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Luftwurzeln
Kurzfilm 1983
16 mm s/w und Farbe | 28 Minuten
 
Buch und Regie: Jutta Brückner
 
Mit Franziska Walser
 
Preis der Deutschen Filmkritik für den besten Kurzfilm des Jahres 1982/83
 
 
 
 
Luftwurzeln ist Teil eines Gemeinschaftsprojektes von drei französischen und drei deutschen Filmemacherinnen unter dem Titel: „DIE ERBTÖCHTER/LES FILLES HERIDITAIRES”. Das Projekt besteht aus 6 Kurzfilmen.
 
Luftwurzeln
Eine Frau wurde von der Bundesrepublik aus einem DDR-Gefängnis freigekauft. Als sie bei Herleshausen über die Grenze geschoben wurde, hatte sie ein kühnes Programm: „Ich bin ein Mensch ohne Geschichte, ich muss sehen, dass ich meine Geburt hier einigermaßen gut überstehe. Ich muss alles neu lernen, Liebe und Hass und Widerstand und Hoffnung.” Niemand ist ein Mensch ohne Geschichte, und je mehr man sie verleugnet, desto stärker holt sie einen ein. So wird Erinnerung zum einzig Realen. Nichts Aufregendes: ihr Bett, ihr Schreibtisch, der Blick aus dem Fenster, nach „drüben”. Sie sitzt in ihrem Zimmer in West-Berlin und rührt sich nicht vom Fleck und sie begreift nicht, warum sie dort, wo es so viel schwieriger war zu reisen, so viel beweglicher war als hier. Sie starrt auf das Fenster, sie starrt auf den Fernseher. Sie hat keine Erklärung, aber sie riecht eine Erfahrung: die Welt zerfällt plötzlich in Innen und Außen. Und die Außenwelt wird immer leerer und die Innenwelt legt sich mit blinden Flecken auf alles, was sie ansieht. Dieses neue Land „Bundesrepublik”, weder vertraut noch fremd, sondern dazwischen: zu nah, um gleichgültig zu sein und zu weit weg, um vertraut zu sein. Weder Heimat, noch Exil, zuviel und zuwenig gleichzeitig. „Man ist schlimmer als im Ausland, weil man die eigene Spreche hört. Man ist auf schreckliche Weise in der Fremde.” (Christa Wolff, Der geteilte Himmel). Die Frau zieht die Konsequenz. Sie beendet die Erstarrung mit einem Kraftakt; sie wird nach Paris gehen. Das ist wenigstens weit weg und alle Leute, selbst die kleinen Kinder sprechen französisch. Wenn man sich schon der Welt und sich selbst entfremdet hat, dann ist es einfacher, weit weg zu sein und auch die Sprache neu zu lernen. Und tröstlicher, nicht immer alles zu verstehen.
 
 
 
 
„Jutta Brückner gehört zu den buchstäblich bemerkenswertesten Talenten des gegenwärtigen deutschen Films, insbesondere des rar gewordenen Autorenfilms. Überdies hat sie mit beispielhaften Werken zum Genre jenes Frauenfilms beigetragen, der diese Bezeichnung nicht allein aus der äußerlichen Tatsache ableitet, dass er von Frauen gedreht wird. Dies alles ist spätestens seit ihrem Spielfilm HUNGERJAHRE unstrittig, ausgezeichnet 1980 mit dem ‚Preis der Internationalen Filmkritik’ (FIPRESCI) - in Berlin und 1981 mit dem ‚Preis der deutschen Filmkritik’, der von der Arbeitsgemeinschaft der Filmjournalisten verliehen wird. Lotte Eisner, äußerst reserviert gegenüber ‚Frauenfilm’ nimmt Brückners Film HUNGERJAHRE ausdrücklich aus ihrem generellen Misstrauen aus.
Auch und gerade Jutta Brückners zweifellos ungewöhnlicher Kurzspielfilm ‚LUFTWURZELN’ wurde nachdrücklich gewürdigt durch den ‚Preis der deutschen Filmkritik’ 1982/83. In der Begründung heißt es: ‚Jutta Brückners Film hebt eine Struktur traditioneller Spielfilme auf. Diese benutzen die Darstellung eines persönlichen Schicksals zum Transport politischer Ideologien. ‚Luftwurzeln’ läBt sich dagegen auf den Raum des Individuellen ein, um den Identitätsverlust und die Heimatlosigkeit einer Frau darzustellen, die aus der DDR in die Bundesrepublik kommt. Mit experimentellen Mitteln eröffnet der Film Perspektiven allgemeiner Erkenntnis, z.B. wie das Selbst durch Geschichtsbewusstsein konstituiert wird und wie Erinnerung funktioniert.’ Die ‚Frankfurter Allgemeine Zeitung’ nannte ihn den ‚ästhetisch mutigsten und zugleich konzentriertesten Film’ des deutsch-französischen Gemeinschaftsprojektes ‚Die Erbtöchter’, von dem er eine Episode ist. Er lief erfolgreich auf der Mannheimer Filmwoche. Tatsächlich thematisiert der Film einen Aspekt eines deutsch-deutschen Problems, der, soweit ich sehe, im deutschen Film bisher unbeachtet geblieben war. Während die Bürger der DDR - lassen wir die Gründe an dieser Stelle außer acht - vom Staat sozusagen an die Hand genommen werden, finden sie sich als Bürger in unserem Teil Deutschlands jählings auf sich selbst gestellt, allein, verunsichert, - wie im Fall von ‚LUFTWURZELN’ - hilflos ohne Familie, Freunde, vertraute Nachbarn, heimatliche Geborgenheit. Jedenfalls kann diese Entwurzelung, wie dieser Film überzeugend demonstriert, durchaus die Ursache einer schweren Neurose sein. Die Frau des Films sagt an einer entscheidenden Stelle, dass sie alles neu lernen müsse: auch zu lieben, zu hoffen, Widerstand zu leisten. Sie schafft es nicht. Die Anpassung misslingt, zumal sie sich an dem orientiert, was sie unsere Krankheiten nennt (z.B. den verhüllt hämischen Fernseh-Spektakeln, der tragikkomischen Essen-Euphorie). Ihre Flucht nach Paris am Ende erscheint nur wie ein neuer Irrweg, weniger in eine wieder gefundene oder wieder zu findende neue Heimat als in eine Wunschvorstellung, in ein Traumparis, ein falsches Eldorado.
Ihr ganzes Trauma, das sich durch Erinnern an das Verlorene, an Dorf, Landschaft, Straßen, Ferien, selbst Hühnergegacker und FDJ-Gesänge in einem circulus vitiosus gleichermaßen mildert wie verstärkt, wird in ‚LUFTWURZELN’ (welch treffender Titel) beispielhaft filmisch veranschaulicht: in seinen Bildern und in seinen Kamerafahrten, die Fluchtbewegungen sind. In einem sinnfälligen Kontrast zur völligen Unbeweglichkeit der Figur, die ihr Zimmer zu verlassen kaum noch imstande ist, steht ihre neurotische Hektik. Die Qualität des Films besteht nicht zuletzt darin, dass er seine Geschichte nicht vorbuchstabiert, sondern die Phantasie des Zuschauers anregt und aktiviert, eines Film-Zuschauers, nicht eines typischen Fernseh-Hörers, der allerdings in ‚LUFTWURZELN’ alle die verbalen Informationen vermissen wird, die ihm sonst das Sehen abnehmen. Nicht zuletzt: ‚LUFTWURZELN’ versagt sich jede, leicht zu habende Schuldzuweisung, sowohl gegenüber seiner Figur wie gegenüber dem Zuschauer.
Verdrängen wir doch alle zu gern und schnell, welchen psychologischen Belastungen jene Menschen ausgesetzt sind, die vom östlichen Teil Deutschlands in den westlichen kommen und denn auch noch, wie die Frau dieses Films, zwangsweise. Die Lehrerin hatte sich nichts anderes, aber in der DDR Unerhörtes, zuschulden kommen lassen, als ein Widerspruchsgeist zu sein. Der experimentelle, wann auch keineswegs unverständliche oder gar abstruse Charakter dieses Kurzspielfilms, ist im übrigen nicht l'art pour l'art, sondern hat eine eindrucksvolle dramaturgische Funktion z.B. in der partiellen, Liebe, Wärme und Feuer signalisierenden Rotstichigkeit. Die immer wieder auftauchende Waschschüssel ist als reales und erinnertes Requisit der Moment, wo ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit sich in ihrem Kopf vermischen, keine symbolistische Zutat. Wie denn überhaupt der Film nicht Erinnerung erzählt, sondern in seinen bewusst vage gehaltenen ‚Erinnerungsbildern’ den Prozess des Sich-Erinnerns und somit formal und thematisch etwas Neues macht. Die vermeintlichen Symbole sind Bilder, die Bilder der Erinnerung sind. Wir Menschen erinnern uns in Bildern. Leidet die Figur doch offensichtlich an einer Neurose als Folge ihrer Isolation, sie ist sichtlich psychisch krank. Sie wartet verzweifelt auf Kontakt und käme er durchs Telefon. Aber sobald sie den Hörer abnimmt, ertönt nur der Summton. Niemand ist dran. So zerstört sie das Telefon, um wenigstens damit diese Tortur des Wartens zu beenden.
‚LUFTWURZELN’ ist ein schönes Beispiel für eine eigenwillige Begabung.”
Manfred Delling
 
 
 
 
Der Realismus der Innenräume
Jutta Brückner