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Hitlerkantate
Biographischer Spielfilm 1977
16 mm s/w und Farbe | 82 Minuten
 
Buch und Regie: Jutta Brückner
 
Mit Rita Rischak
 
 
 
 
Die Geschichte ist authentisch, das Mädchen Rita Rischak spielt und spricht sich selbst in Spielszenen und Interviews. Der Film erzählt einen gewöhnlichen Tag aus ihrem Leben. So (oder ähnlich) passiert es immer: Der Liebhaber der vergangenen Nacht verlässt früh morgens eilig die Wohnung. Rita begräbt jede Hoffnung, von ihm noch einmal etwas zu hören. Sie traut sich nicht mehr ins Büro, weil sie Geld aus der Telefonkasse gestohlen hat. Sie frühstückt mit ihrem fünfjährigen Sohn, der von den Eltern versorgt wird, wie gewöhnlich bei der Mutter, tut, als ginge sie ins Büro, geht aber statt dessen auf die Suche nach einem neuen Job und Leuten, die sie anpumpen kann. Beides bleibt ergebnislos. Gegen Mittag erwartet sie den Besuch eines älteren, wohlhabenden Liebhabers und nimmt sich vor, sich selbst endlich einmal als erotische Ware gegen Geld einzutauschen. Aber der ungeschickte Versuch scheitert. Rita beschließt, die Suche nach Geld und Job jetzt ohne Skrupel zu betreiben. Sie erklärt sich bereit, für einen Freund zu arbeiten, der ein unseriöses Kreditunternehmen betreibt. Als aber ein unerfahrenes, junges Ehepaar vor ihr sitzt, wird ihr Zorn so groß, dass sie die beiden über das Unternehmen aufklärt und dem Freund alles Geld aus der Kasse stiehlt. Das gibt sie auf der Stelle aus für ein Kleid, das ihr aber nicht steht, wie sie kurz nach dem Kauf feststellt, und das sie darum auch sofort weiterschenken will an ihre beste Freundin. Die studiert Soziologie und ist immer wieder bereit, Rita ihr kompliziertes Leben zu erklären. Getröstet von dem Gespräch mit der Freundin wird der alte Wunsch, Schauspielerin zu werden, wieder in ihr wach, und sie versucht, in einem Kellertheater erste Kontakte zu knüpfen. Dieses Kollektiv von Schauspielern und Laien, das engagiertes politisches Theater macht, kann aber nicht akzeptieren, dass man Schauspielerin wird aus Gründen der Selbstverwirklichung. Da alles fehlgeschlagen ist, muss sie schließlich ihre Eltern um Geld bitten. Sie bekommt es, zusammen mit den ihr schon bekannten Vorwürfen.
 
Am Abend lässt sie sich von einem Mann auf der Straße ansprechen. Er lädt sie zum Essen ein. Rita ist sofort bereit zu hoffen, dass dieser Tag doch noch mit Glück enden wird. Obwohl er ihr immer unsympathischer wird, beachtet sie doch die Spielregeln: Sie nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Es wäre auch alles nach den Spielregeln weiter abgelaufen, wenn der Mann nicht eine Vorliebe für Stiefel hätte. Rita ist empört über diese schamlose Perversität, und er geht.
 
Und dann hockt sie zusammengesunken im Bad und träumt mit offenen Augen und in bunten Bildern, wie schön das Leben sein könnte, denn sie weiß, wie das Glück aussieht: Ein Mann bringt ihr rote Rosen - ein Mann sagt: Ich liebe dich - ein Mann bittet: Willst du meine Frau werden? - ein Mann steckt ihr einen Diamantring an den Finger- ein Mann... ein Mann... ein Mann...
 
Ein Film über kleinbürgerlichen Hass und den Alltag einer Revolte, die ständig ins Leere geht, weil sie nur weiß, was sie nicht will, aber nicht weiß, was sie will; weil sie sieht, was falsch ist, aber nicht, woran das liegt, und deshalb auch nicht weiß, was sie ändern soll. Rita hat mit einer abgebrochenen Realschulbildung nicht die Möglichkeit, sich durch berufliche Fähigkeiten das Selbstwertgefühl zu holen, das sie von sich hat. Aber auf Grund dieses Selbstwertgefühls glaubt sie, dass ihr etwas zusteht, das die Wirklichkeit ihr verweigert: Wer ist wem etwas schuldig - sie der „Gesellschaft” oder die „Gesellschaft” ihr? Und so - revoltierend gegen eine schlechte Realität - pendelt sie hin und her zwischen zwei narzisstischen Träumen: dem Traum von Freiheit (das ist Selbstverwirklichung als Schauspielerin) und dem Traum vom Geld (das ist der reale Zynismus vom Einsatz ihrer Person als erotische Ware). Aber es gibt in ihrem Kopf einen Punkt, wo Geld-Freiheit-Liebe sich verwischen zur Vorstellung vom Glück, das man geschenkt bekommt und das das ganze Leben verändert: das Glück des Erwähltwerdens, Geliebtwerdens allein, weil man die ist, die man ist; das Glück, eine Person sein zu dürfen und doch nicht verantwortlich sein zu müssen, das Glück einer Ehefrau in einer Ehe, wie es sie nur in illustrierten Fotoromanen gibt. Doch wenn Rita am Abend eines schlimmen Tages einen solchen Traum träumt, ist sie nicht so dumm, wie sie manchmal von sich selbst annimmt: die Rosen im Traum sind aus Wachs, der Diamantring aus Glas und das Kind, das sie ihrem erträumten Mann „schenkt” ist eine Puppe mit langen, blonden Haaren.
 
objektiv: „...sie lebt nur nach ihren Launen und dem Lustprinzip, ein Falter, der genießerisch und ruhelos von Blume zu Blume flattert...”
subjektiv (Tonbandprotokoll): „Ich bin wie eine Maus im Käfig. Ich renne hinter etwas her und drehe mich dabei auf höchsten Touren im Kreis”
objektiv: „...sie hat keine Energie, sie macht die leichtesten Arbeiten falsch. Sie ist faul und dumm, sie gibt sich keine Mühe...”
subjektiv (Tonbandprotokoll): „Wenn man einen Film in meinem Innern ablaufen ließe, da käme unheimlich viel raus, weil ich vieles im Bauch weiß, aber sobald diese Gedanken raufwandern zum Gehirn, da bleibt auf dem Weg so viel stecken, und im Hals ist eben Schluss, und der Kopf ist leer, und dann finde ich keine Worte und bin mutlos, und alles ist mir wurscht...”
objektiv: „...sie hat keine Moralbegriffe, ein Mädchen, das man jeden Abend in einer anderen Kneipe sehen kann, eine zum Aufreißen...”
subjektiv (Tonbandprotokoll): „Was bin ich denn? Ein Arbeiterkind mit einer akzeptablen Visage. Die Männer behandeln mich wie ein Kofferradio mit einem guten Design. Das muss spielen. Jeder ist sauer, wenn das Radio Tonstörungen hat, aber um das Innenleben von dem Radio kümmert sich keiner. Wenn es kaputt ist, schmeißt man es weg.”
subjektiv (Tonbandprotokoll): „Irgendwo bin ich unheimlich gesund und deshalb stoß' ich auch immer mit den anderen zusammen, die im Grunde viel kaputter sind als ich.”
 
Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte.
 
 
 
 
„Da hat es das als Nachtschwärmer-Programm eingestufte ‚Kleine Fernsehspiel’ wieder einmal geschafft, müde Zuschauer munter zu machen: Diese Rita Rischak provoziert und geht einem auf die Nerven - wird sie etwa dazu benutzt, mit ihrer so genannten Originalität hausieren zu gehen, soll Verwahrlosung photogen-exotisch demonstriert werden? Mag sie doch die Dauerstörungen ihres labilen Innenlebens mit sich selbst ausmachen - was geht's uns an? Autorin Jutta Brückner also sorgt zusammen mit ihrer widersprüchlichen Hauptperson dafür, dass man sich ihr eben nicht entziehen kann: vor allem, wenn Rita Rischak offen und unverfroren viele heimliche Seufzer artikuliert, die beider alltäglichen gesellschaftlichen Pflicht- und Leistungserfüllung ausgestoßen werden...  mehr>>
 
 
 
 
 
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Ein ganz und gar verwahrlostes Mädchen
Filmblätter des Internationalen Forums des Jungen Films 1977