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Diese Geburt, als ‚niederträchtig und infam’ verwindet sie ihr Leben lang nicht. In dieser Zeit, zwischen dem Ghetto und der beginnenden Assimilation, kamen Reichtum und Bildung in Jüdischen Häusern noch nicht zusammen. Reiche waren nicht gebildet und Gebildete nicht reich. Da Rahels Vater, Münzjude und Bankier, vermögend war, wuchs sie auf wie das Kind eines wilden Völkerstammes. Sie spricht das Judendeutsch ihrer Zeit, ihre Briefe schreibt sie in hebräischen Buchstaben. Aber sie hat klugen Witz und Urteilsvermögen, und das sichert ihr Beachtung.
 
Ihren ersten Salon hielt sie noch in der Dachstube ihres Elternhauses ab, unter einem Bild von Lessing. In dieser stürmischen Zeit, als alle Gewissheiten schwanden, waren die Salons exterritoriale Orte, in denen die ganz einmalige deutsch-jüdische Symbiose der nächsten 130 Jahre begann; die eigentliche Assimilation vollziehen in jener Zeit die Frauen. In den Salons kam zusammen, was sich sonst nicht begegnet wäre: junge, vor Ehrgeiz brennende Dichter, schöne Frauen, königliche Prinzen, politisierende Gelehrte. In ihrer Mitte nicht nur Frauen wie Fanny Arnstein, reich geboren und entsprechend vermählt, oder Henriette Hertz, eine junonische Schönheit, sondern auch sie, der ‚kleine jüdische Schlemihl ohne Bildung, ohne Schönheit, ohne Talent, ohne Reichtum’, so sah sie sich selbst. Denn das Vermögen ihres Vaters zerfiel.
 
Armut kann sich wie eine Verurteilung auswirken, die nämlich, im Judentum zu bleiben, das sich rapid zersetzt und als Umwelt mit einem bestimmten Selbstbewusstsein, mit eigenen Sitten und Urteilen kaum noch existiert. Rahel will raus aus dem Judentum, rein in die Welt. Schönheit kann eine Macht sein bei Frauen, und Judenmädchen werden manchmal nicht nur wegen ihrer Mitgift geheiratet. Eine Frau kann sich gesellschaftlichen Mut leisten, wenn sie schön ist und nicht gedemütigt. Bei einer Frau schafft Schönheit die Distanz, aus der her sie urteilen und wählen kann. Keine Klugheit und keine Erfahrung können den Mangel solch natürlich gegebenen Raums für die Urteilskraft aufholen. Rahel, die nicht reich war, nicht gebildet, nicht schön, war eigentlich ohne Waffen, den großen Kampf um das Anerkanntsein in der Gesellschaft, um soziale Existenz, um ein Stückchen Glück, um Sicherheit und bürgerliche Situation zu unternehmen.
 
Die Brüder wollen sie loswerden, und das heißt: verheiraten. Auch Rahel will Assimilation durch Heirat. Aber das misslingt. Graf von Finkenstein, aus altem preußischem Adel, ist nicht selbständig und fest genug, seiner Familie eine jüdische Braut zuzumuten. Der Spanier Don Rafael d'Urquijo quält sie mit seiner Eifersucht und hält sie hin. Gentz, der beim Wiener Kongress eine so bedeutende Rolle spielen sollte, schreibt ihr die feurigsten Briefe, aber verliebt sich ständig in andere Frauen. Ihre Liebesgeschichten scheitern so wie ihre Versuche, sich zu verheiraten. Und Rahels Gier nach Leben und Wirklichkeit, die sie mit der Sehnsucht nach Liebe verwechselt, ihr Bewusstsein, nicht dazu zu gehören und die Angst, dass jeder es merkt, machen wahllos, führen zur Vernachlässigung von Unterschieden und Grenzen. Das Leben verwandelt sich in eine nicht abreißende Folge von Kränkungen, weil sie sich selbst nicht akzeptieren kann. Sie klammert sich an das große Gefühl, weil das ihr tröstend ihre Besonderheit zu bestätigen scheint. Das haben ihr viele übel genommnen, sie selbst erkennt es in ihren schwärzesten Stunden als Mangel an Grazie. Aber in einer unbekannten, feindlichen, durch keinerlei Erziehung, Überlieferung, Konventionen irgendeiner Art geordneten Welt ist Orientierung nicht möglich; nur Details werden verschlungen in wahlloser Neugier.
 
Aber das Leben in solchen Zeitbrüchen führt auch zu einer Radikalität der Selbsterkenntnis, einer Introspektion des seelischen Raumes, der die innere Welt zum Kosmos wachsen ließ. Dieser seismographischen Verfeinerung der Gefühlsbeobachtung war Schlegels Satz Programm, dass es ohne Phantasie keine Außenwelt gebe. Rahel lebt das mit letzter Konsequenz und wird so zum ‚ganz und gar desorganisierenden Genie’, wie Gentz es nennt. Mit ihren eigenen Worten: „Ich bin so einzig wie die größte Erscheinung dieser Erde, kein Philosoph oder Dichter ist über mir. Ihnen war das Schreiben, mir aber war das Leben angewiesen.”
 
So steht es um sie, als der vierzehn Jahre jüngere Varnhagen ihren ‚Salon’ betritt, den es nach der Niederlage Preußens gar nicht mehr gibt. Er dichtet, seine Gedichte sind schlecht; sein Roman ist nicht nur dilettantisch, sondern geschmacklos, seine philosophischen Bemerkungen ganz unoriginell und banal, seine Bildung zerstreut, abhängig von Meinungen anderer. Außerdem ist er eitel. Aber er hat einen Vorzug: er ist einsichtig, er ist bildsam, er ist vernünftigen Argumenten zugänglich. Und: er bleibt. Rahel wird die große Chance seines Lebens. Von ihrem Leben zehrt er sein Leben lang, denn sie gibt ihm alles, ihre Tagebücher, alle Briefe, es sind 3000, schon wenige Monate nach ihrem Kennen lernen. Dann geht er fort und nimmt alles mit und erzählt ihr von einer anderen Frau, an die er gebunden sei. Und jetzt beginnt Rahels großes Erziehungswerk an ihm, das über sechs Jahre dauert, eine Pygmaliongeschichte. Es wird kontrapunktiert von Rahels Freundschaft mit dem hochbegabten preußischen Edelmann von der Marwitz, den Varnhagen ihr zugeführt hatte. In ihm entdeckt Rahel die verwandte Seele, sie liebt ihn mit größter Freundschaft und würde ihn auch so gerne lieben mit der ‚verliebten Liebe’. Immer noch will sie raus aus ihrer Haut, sich, ihrem Leben, ihrer Geschichte, der Umgebung, die wieder zunehmend judenfeindlicher wird. Aber das, was ihr völlig unentbehrlich ist, die Anerkennung der Gesellschaft, verachtetet Marwitz, weil er sie hat. Er kann es ‚geringes und gemeines Leben’ nennen, was sie, als Parvenu, ersehnen muss, weil jede Verweigerung dessen, was sie eigentlich nicht einmal wirklich begehrt, sie kränken und wieder an ihre infame Geburt erinnern würde. Das Bündnis zwischen dem Adligen, herrisch aus Verachtung alles Mittelmäßigen und der Jüdin, die alles Mittelmäßige aus unbändigem Wahrheitsdrang verachtet, scheitert daran, dass die Gesellschaft für jeden von ihnen einen ganz anderen Stellenwert hat. Rahel begreift es 1814, lässt sich taufen und heiratet Varnhagen, der schnell noch einen alten westfälischen Adelstitel für sich ausgegraben hatte. In einer erneut judenfeindlichen Umgebung, wird Varnhagen, ihr Geschöpf, zu ihrem Retter. Als Friederike Antonie Varnhagen von Ense, Gattin des Geheimen Rates, Publizisten und Schriftstellers August Vamhagen von Ense, erlebt sie, wie 1819 schon wieder ein Pogromsturm über ganz Preußen geht.
 
Der Film erzählt ihre Geschichte, so wie beide sich in ihren Briefen hellsichtig und kritisch gebeichtet haben. Er sucht nicht Bilder für die äußeren Ereignisse, sondern für den nicht abreißenden Monolog und Dialog, für die Gefühle, Traumata und Explosionen, die auf der Suche nach dem Leben und dem Glück entstehen. Es ist eine Seelenbiographie.