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Ein ungeheuer fleißiger, gründlicher, unbefangener, nüchterner Film, faktenreich und anspielungssatt. Hauptverdienst dieser Arbeit ist es, einem vielleicht ahnungsvollen, aber wohl oft nicht genug Bescheid wissenden Publikum erstmals im Film die - für die Frauen zum Teil verhängnisvollen - Abhängigkeiten vorzuführen, die den Hahn im Korbe mit seinem durchaus textproduktivem Hennen-Harem verbanden. Wobei Brechts Rücksichtslosigkeit, auch Fühllosigkeit erstaunt, zum Teil entsetzt. Was für ein letzten Endes pathetisch-herziger Propagandist von Menschenwärme und -würde, gemessen am eiskalten Verhalten im eigenen Stall.
Das alles führt Brückner faktenreich und mit guten historischen Ausschnitten plausibel vor. Gewiss gibt es Löcher (die US-Episode kam zu kurz); das macht nichts. Insgesamt ist es Jutta Brückner gelungen, jene Balance zwischen Nähe und Distanz herzustellen, an der ihr biographischer Gegenstand oft gescheitert und verzweifelt sein muss.”
Sebastian Feldmann in Rheinische Post
 
„Der Film sieht seinen Protagonisten durchaus kritisch, doch ohne die ausgesprochene Absicht, ihn zu demontieren oder zu desavouieren. Diese Anordnung des Materials spricht an, vermittelt eine neue Sicht auf BB und ist hoch informativ.”
Aus dem Gutachten der FBW
 
„Wenn die Amerikaner den Sozialismus entdecken, dann wird er funktionieren,” zitiert Jutta Brückner im Epilog ihres Dokumentarfilmessays genüsslich ein Bonmot von Bertolt Brecht, den sie anlässlich seines 100. Geburtstags als kulturpolitische Ikone des DDR-Staats und ein intellektuelles Idol der 68ger Generation einer historischen Revision aus der Perspektive der Nachwendezeit unterzieht. In vier thematisch gegliederten Kapiteln ‚Ideologie und Verrat’, ‚Vom armen BB’, ‚Klassiker im Exil’ und ‚Die deutsche Revolution’ nimmt sie Brechts Leben unter die Lupe und geht Fragen nach, die bis jetzt gar nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand behandelt wurden...Hinter der Fassade eines Dramatikers und Marxisten, der in seinen Theaterstücken eine Klage über soziales Unrecht mit der Hoffnung durch eine Veränderung durch den Sozialismus vereinigt hat, und neben Shakespeare zu den meistgespielten der Welt gehört, verbirgt sich, so Jutta Brückners These, organisierte Schizophrenie. Zwischen Dokument und Fiktion angesiedelt, von Prolog und Epilog eingerahmt und Kommentaren unterbrochen, die ganz in Brechtscher Manier der Regisseurin als demonstrierend-erzählende Form dienen, um beim Betrachter durch Distanzierung zu den ‚Gegenstand der Untersuchung’ eigenständige Schlussfolgerungen zu initiieren, entwickelt sich der Gang der Handlung in Einzelszenen, Kurven, und Sprüngen, die in einer kunstvollen Montage aus Familien- und Theaterfotos, Wochenschauausschnitten, Tondokumenten, Inszenierungsaufzeichnungen, authentisches Material in Schwarz-Weiß - oft durch leuchtendes Rot oder Blau verfremdet - mit inszenierten Farbsequenzen verbinden...
Diese Methodik ruft Assoziationen an frühere Filme von Jutta Brückner wie ‚Tue recht und scheue niemand’ (1975) hervor, da sie bereits als Protagonistin der feministischen Strömung im Neuen Deutschen Film nach einer unverbrachten Filmsprache suchte, die die Authentizität des Dargestellten jenseits versteinerter Kinoformen vermitteln würde. Auch diesmal geht es um unterdrückte Sinnlichkeit und seelische Gewalt, um eine Emanzipationsgeschichte als Loslösung von der Mutter am Beispiel des ‚feigen Egomanen’ Brecht, der die Frauen ausnutzte, sie der seelischen Stabilität wegen als Nahrung für seine Kunst (ge)brauchte. Brückner geht aber auch der Frage nach, wie aus dem wilden Anarchisten und avantgardistischen Dichter der 20er Jahren, der eine Affinität für die Gewalt verspürte, in elf Jahren vier Kinder aus drei Beziehungen bekommt, mit Freunden wie Hanns Eisler, Arnold Bronnen, Tretjakow oder Geliebten und Mitarbeiterinnen wie der Schauspielerin Carola Neher und der Übersetzerin Elisabeth Hauptmann in seiner ‚Factory’ einer ‚kollektiven Produktionsweise’ frönt, ein Marxist wird, der Lobgedichte auf den Kommunismus und auf Stalin schreibt.
In der Verschlungenheit von Historie und Biografie wird die Geschichte seiner Emigration an Originalschauplätzen in Dänemark, Schweden und Finnland erzählt, Zeitzeugen und Experten werden befragt, unbequeme Fakten offenbart, die das Bild einer widersprüchlichen Persönlichkeit verfestigen: die Wandlung des idealistischen Dichters Brecht in den disziplinierten Parteiarbeiter, seine jesuitische Unterordnung unter die Parteidisziplin ‚zum Wohle der Menschheit’; Ringen um das ideologische Glaubenssurrogat, was ihn sogar vor sich selbst noch rhetorische Fragen stellen lässt, wo er bereits über Gewissheiten verfügt; Rückkehr in die DDR, wo seine Frau Helene Weigel das Theater am Schiffbauerdamm übernimmt, er aber mit österreichischem Pass, schweizerischem Konto und westdeutschem Verleger für den Parteiapparat unangreifbar bleibt, weswegen man ihn auch bespitzeln lässt.
Eingeklemmt zwischen den blutrünstigen Diktatoren, ‚mit starrem Blick auf die Utopie hinter den Leichenbergen’, und abgeschirmt in einer Viererbeziehung zwischen Helene Weigel und Margarete Steffin, die seinen Alltag organisieren, sowie Ruth Berlau, die ihm wichtige Kontakte und Visas für die wechselnden Exilländer beschafft, bis die eine an Tuberkulose stirbt und die andere in einer psychiatrischen Klinik landet, um in ihrem Krankenbett später zu verbrennen, gönnt er sich den immateriellen Luxus eines ‚Raubbaus an menschlichem Leben’, während Europa in Flammen steht. Brecht, der erst zum Patriarchen des Berliner Ensembles wird, als er am 17. Juni 1953 Loyalitätsbekundungen an die politische Nomenklatura verschickt und dabei ein Theater für die Arbeiter zu machen glaubt, ohne die korrumpierenden Privilegien des totalitären Staates zu hinterfragen. Zuletzt ein Verwalter seines ‚Nachlasses zu Lebenszeiten’, der, von Machthabern isoliert und gehänselt, zumindest seinem spottenden Wunsch an die Nachwelt, ‚wen immer ihr findet, ich bin es nicht’ gerecht wurde. Ein außergewöhnliches Portrait des umstrittenen Klassikers der Moderne.”
Margarete Wach in film-dienst
 
”1998 is the centenary of Brecht's birth, and we are obviously going to be hearing and seeing a lot about him this year. With all the competition, the pressure to produce something ’new’ about the man is tremendous. Brecht himself was always one to ask uncomfortable questions in his works. But what remains to be asked about him? Looking for the hidden side of Brecht, acclaimed German filmmaker Jutta Brückner choose to ask the question: ’Who was Brecht really?’ With narrator Peter Buchholz as a guide through the various stations of Brecht' s life, her film looks at the playright's most intimate sides, with all his weaknesses. And he had many weaknesses - as the film makes clear.
None of this information ist really new, although the film does incorporate several more recent discoveries, such as Brecht's adolescent diaries describing his ’heart neurosis’ - a condition which, Brückner suggests, may have been a motivating factor in his compulsive womanizing. A psychological analysis was clearly Brückner's goal, and this is certainly a novel approach to understanding Brecht.”
Marcy Goldberg