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Das Komplementärverhältnis von der Idee der ‚reinen’ Liebe und dem kruden Imperativ ‚niederer’ Sexualität spannt sie dabei aus zwischen der katholischen Mythologie und der zum Ausbruch ‚reiner Natur’ stilisierten Sexualität als Gewaltverhältnis. Der Gefahr, in die abgegriffenen Metaphern der weiblichen Unterdrückungsgeschichte zu verfallen, in eine manichäische Ausdeutung des Geschlechterverhältnisses, entgeht der Film dadurch, dass er ihre Verinnerlichung in der weiblichen Sozialisationsgeschichte zeigt. Die männlichen Figuren sind die Projektionen der Frauen, Schatten in einem Labyrinth der versteckten Begierden, dessen Ariadnefaden gerissen ist. Im diesjährigen Forums- Programm einer der interessantesten Filme, weil er eine neue Dimension in seiner Darstellungsform aufgenommen hat.”
Gertrud Koch in der Frankfurter Rundschau
 
„Jutta Brückner brüskiert das narrative Kino kühn, aber auch eine Spur zu selbstgewiss: Scharen von Frauen ohne soziales Ambiente, ohne individuelle Psyche, ohne ein ihnen allein gehörendes Schicksal, aber ausgestattet mit den immerwährenden Glücksillusionen ihres Geschlechts, ihren sich unentwegt wiederholenden Stürzen in die klirrend eisigen Abgründe der Lieblosigkeit ziehen für einige stigmatisierende Augenblicke an uns vorbei. Die Männer: allesamt - bis auf den einzigen, hochmütig sich versagenden Traummann: er trägt Frack - in grauen Anzügen und roten Schlipsen einheitlich verpuppte Weiberfleischjäger, siegessicher, gleichmütig. Selten sah man auf der Leinwand eine so tief erschreckendem eine so ehrlich unbeschönigende Liebesbegegnung...Denn das will die Filmemacherin uns dartun, ohne Kritik, ohne Zustimmung, ohne (feministischen) Tadel, wenn auch trotzdem nicht ganz ohne Besserwisserei: es endet nimmermehr, das Glücksverlangen der ‚schlechtsinnigen’ Frau. Und nur - das beißt die Maus offenbar keinen Faden ab - der Mann vermag dieses Verlangen, wenigstens in ihren Träumen zu stillen.
Selten sah man auf der Leinwand eine so tief erschreckende, eine so ehrlich unbeschönigende ‚Liebesbegegnung’: eine Frau, die es zuerst drängt, ihren Körper von der Einsamkeit ‚erlöst’ zu sehen, und die dann, stumm, den nur sich selbst fühlenden Mann lediglich erleidet, ihn angeekelt von sich stößt. Und die dann, vergesslich, in neuer Hoffnung ihn - oder auch einen anderen - von neuem sucht. Wir sehen sie verloren in riesigen, durch Spiegelungen verdoppelten Räumen; auf irgendetwas, irgendjemanden wartend zwischen surreal-bühnenmäßigen Requisiten, eingekreist von einer ihr Fleisch förmlich zerschneidenden Musik. Wenn einer die Brüste seiner Geliebten berührt, knirscht der Stoff darüber. Die Begierde des Mannes ist eine schmerzmachende Säge ...”
Karena Niehoff im Tagesspiegel
 
„... Die Inszenierung lässt keinen Zweifel am künstlichen Charakter der Figuren, die nicht aus den Klischees ausbrechen können. Die Szenen sind brutal: vergewaltigt wird die Braut ebenso wie die Magd und die Hure. Im strömenden Sekt liegt ein Versprechen der Lust, das die Ströme des Samens nie einhalten. Heilige oder Hure, erwartungsvolle Braut, duldsame Gattin, stolze Kämpferin um den Mann oder heimliche Geliebte - keine Rolle schützt vor der Erniedrigung und Enttäuschung. Die freiwillige Zurichtung der Frau wird nie gelohnt. Der ausgezeichnete Schnitt der Bilder ohne Dialoge, der zehrende und drängende Rhythmus der Tangomusik von Brynmor Jones und eine Tonmontage, in der Rascheln, Knistern und Quietschen aus jeder Berührung ein besessenes An-sich-raffen machen, distanzieren vom Pathos der Leidenschaft...”
Kathrin Bettina Müller in Tip
 
„Anscheinend traut die Regisseurin Jutta Brückner dem Erzählkino nicht mehr zu, dass sich Neues von der Geschlechterfront in den gewohnten narrativen Formen berichten ließe. An den Platz psychologisch ausgeformter Charaktere sind Situationen getreten, und an Stelle der Dialoge führen schroffe Tangonuevo-Klänge durch das Geschehen. Die Musik von B.L. Jones erhebt sich weit über das, was ‚Soundtrack’ sonst sein darf: Sie gibt den Ton an und bestimmt den Rhythmus der Szenen...Auch in alternativen Kreisen kommt das Heiraten neuerdings wieder in Mode. Im europäischen Autorenfilm feiert die Fiktion der romantischen Liebe derzeit eine merkwürdige Renaissance. Jutta Brückner hat sich der neuen Naivität in Liebesangelegenheiten und dem Trend zur Harmonie verweigert...”
Stefan Reinecke
 
„Nie sind die symbolhaften Bilder überladen, lassen im Gegenteil Platz für die eigenen Gedanken. Und der Schluss versöhnt mit dem Krieg, in dem es keinen Sieger gibt. Auf der kalten Tanzfläche drehen sich Paare, die mit dem Reigen zu zweit alt geworden sind: alte Gesichter, vom Leben gezeichnet, mit jungen Beinen, die sich beim Drehen streicheln.”
Bernhard Springer
 
„Was bleibt von diesem Forum in Erinnerung? Am stärksten vielleicht doch Jutta Brückners ‚Ein Blick - und die Liebe bricht aus’, wenngleich ich in diesen real-surrealen Tableaus vom Schlachtfeld der Liebe einen anderen Film gesehen habe, als ihn die Regisseurin zeigen will: Dass die Frauen mit ihren Männer-Projektionen, mit dem ‚Tumult ihres Unbewussten’ daran beteiligt sind, die Imago der Liebe zu verschrotten, vermittelt dieser Film kaum...Aber es gibt auch Widerhaken, die solcher eindimensionalen Lektüre den Weg verbauen: da ist der Tango-Rhythmus als ‚Prägeform von Leidenschaft’, aber auch als Figur einer schon starr gewordenen, im Inneren erkalteten Trauer - und da ist die dokumentarische Schlussszene in einem Vorstadt-Tanzlokal von Buenos Aires mit ihrer sprachlosen, unaufhebbaren Tristesse.”
Klaus Kreimeier
 
„‚Ein Blick - und die Liebe bricht aus’: der Titel des am venezianischen Lido uraufgeführten Filmes von Jutta Brückner ist das Leitmotiv der 43. Mostra del Cinema. Die Gefühlskisten dominieren - ob es sich nun um das surreale Geschlechterballett der Deutschen oder die traurig-schöne Tragödie ‚Der Flug’ des Griechen Theo Angelopoulos handelt...Jutta Brückners Film ist wie die meisten Neutöner-Kompositionen: er baut Atmosphären auf, schildert ‚innere Realität’. Keine Liebesgeschichte, sondern eine Geschichte der Liebe mit archetypischen Emotionsmaterialien: der Mann als Wille und Vorstellung, die Liebe ein romantischer Traum mit garantierter Bauchlandung...ein visionärer, rhythmischer Film, der nach Venedig passt...Wenn man etikettieren wollte: Jutta Brückners Ego-Repertoire zieht expressionistisch über die Leinwand, während Angelopoulos mit dem klassischen Gleichmaß der Antike erzählt.”
Veit Mölter
 
”Besides being a leading cine-feminist on the German film scene, Jutta Brueckner ist also noted for her aesthetic refineries und leaning towards the genre known as the film-essay (Alexander Kluge is her male component in this category). Her latest ’One glance - and love breaks out’ embodies elements from her earlier films, particularly the prize-winner ’Hunger Years’ but primarily this scores as an original and fascinating attempt to combine film with forms of theatrical und musical expression...There is fascination alone in sorting out the meanings of these seven various love-types. Those who have enjoyed Pina Bausch will note a similarity to her ’Bandonion’ production, and ’One glance - and love breaks out’ fits in snugly with the range of music-dance-film productions of late made by Carlos Saura...”
Ron Holloway in The Hollywood-Reporter
 
„Dunkler und angespannter im Bemühen, das Ziel zu erreichen, einen Huldigungs-Brief über den (verzweifelt schlechten) Stand der Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau, ist der Film der westdeutschen Filmemacherin Jutta Brückner, indirekt eine Hommage auf den Tango. Der Titel ist EIN BLICK UND DIE LIEBE BRICHT AUS, der Film wurde in Argentinien mit südamerikanischen Schauspielern (vor allem Tänzern) und deutschen Technikern gedreht.
Hier ist die Struktur abgemessen, der Rhythmus ist streng, die sieben Teile, in die der Film unterteilt ist, scheinen ebensoviele Kreuzwege zu einer Auferstehung mehr noch als zu einer Befreiung der Frau zu sein.
In der Tat ist der Tango, ob getanzt oder von Osvaldo Pugliese gespielt, die perfekte und ephemere Verschmelzung zweier authentischer Wesenheiten, die niemals ein Paar sein werden, aber auch nie ohne einander auskommen können, schon eine sehr dichte und komplexe Metapher, Ausdruck der Sehnsucht dieser Regisseurin mit akademischen Nervenkitzeln, im Detail die tiefere Bedeutung einer musikalischen Atmosphäre zu entfalten, die von Brynmors Jones erschaffen wurde. Brückner stumpft auf diesem Wege ein wenig ihre visuelle Kraft ab, die robust und visionär ist (nicht nostalgisch oder zart wie bei Solanas in TANGO ODER DAS EXIL GARDELS). Die sieben Rollen dieses Kreuzwegs fast ohne Worte, die skandiert worden vom ängstlichen Marsch finsterer Argentinierinnen von martialischem Aussehen, in einer elenden Gemeinschafts-Waschküche, sind natürlich: Braut, Ehefrau, Rivalin, die Verlassene, die Verlobte, die Verführte und die Entschlossene. Dies ist ein fieberkrankes und melancholisches Kino, das aber Passagen von zerreißender barbarischer Kraft enthält. Und, meine Güte, kein bisschen Humor: wir sind unter Deutschen...”
Roberto Silvestri in Il Manifesto