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Deshalb kann man dazu auch keinen ‚einfachen’ Film erwarten. Wir haben uns in den letzten Jahren an ‚einfache Filme’ zum Nationalsozialismus, zum ‚Phänomen Hitler’, zum Alltag im Faschismus auf eine Weise gewöhnen müssen, dass es uns nur unheimlich werden konnte. Das besinnungslose Einschreiben der Geschichte in etwas, was noch nicht einmal ‚Mainstream’ ist, sondern allenfalls dessen trotzig-reaktionärster Teil, der ‚Hitler’ gar nicht denken kann, ohne ein wohliges Streicheln der eigenen Volksseele zu verlangen, der Nazi-Hintergrund für beliebige Geschichte von Suspense, Melodrama und Familie, ein ständiges Sich-Drücken durch die Genre-Notausgänge vor jeder Auseinandersetzung, diese fast flehentliche Bitten um den alles erklärenden und alle versöhnenden Nazi- und Hitlerfilm, der bitteschön nichts und schon gar nicht die ‚Sehgewohnheiten’ stören würde - es konnte einem schlecht werden. Und da kommt ein Film, der einen entschiedenen Schritt zurück macht, um vorwärts zu kommen. Zurück in den Diskurs, zurück in die filmische Reflektion und Selbstreflektion, zurück nicht zuletzt zur Verantwortlichkeit des Autors. Hitlerkantate ist, wie gesagt, kein einfacher, genauer: kein vereinfachender Film. Er erzählt nicht einfach eine Geschichte, schön sortiert nach Anfang, Mittelteil und Schluss, oder nach Problem, Opfer und Lösung, sondern er entfaltet in verschiedenen Szenen verschiedene Aspekte der Frage nach Sexualität und Faschismus, oder auch ‚Frau und Faschismus’ (eine Skandalfrage, ohnehin und immer noch). Dazu gehören: Die Produktion eines Porno-Filmes im Auftrag der SS. Der Konflikt zwischen bürgerlichem Liebeskonzept, Rasse und faschistischer Karriere. Das Fantasma des polygamen SS-Mannes, der sein so wertvolles ‚Erbgut’ weitergeben soll. Die Hingabe der Frau an den Führer. Der schrecklich komische Versuch, die Rasse ‚wissenschaftlich’ zu bestimmen, durch Kopfform und Haarfarbe etwa. Hitlerkantate zeigt Menschen, die sich permanent in ihrem eigenen Wahnsystem verheddern und vielleicht nicht zuletzt von ihrer eigenen Widersprüchlichkeit zu immer neuen individuellen und kollektiven Schandtaten getrieben werden. Die üblichen Monster kommen hier nicht vor. Durch den Schauder - denn das alles ist ja nicht Erfindung, nicht einmal satirische Zuspitzung, es war blutige Realität und lauert in der einen oder anderen Dosierung hier und da - hallt gelegentlich das Echo eines kosmischen Gelächters. Hitlerkantate lässt sich nicht nur ein auf den ‚gefährlichen’ Diskurs von Sexualität und Faschismus (ein Abgrund, der immer zurückzuschauen droht), sondern begibt sich auf das fast noch gefährlichere Gelände des Grotesken. Eines Grotesken, das nicht nur in der äußeren Erscheinung liegt, in der grenzenlosen Anmaßung und ihrem Gefälle, wie wir es aus den wohltuenden Chaplin- oder Lubitsch-Filmen kennen, sondern eines Grotesken, das im Wesen dieser ‚Bewegung’ selber liegt, und das kein bisschen wohltut. Im Zentrum des Plots steht eine erotische Duell-Situation. Es geht um den Komponisten Ernest Broch, gespielt von Hilmar Thate, der früher einmal ein kommunistischer Künstler war, auch jetzt noch von den Nazis angeekelt ist und in der bekannten Situation eines ‚inneren Exils’ lebt. Aber der Auftrag, eben jene Hitlerkantate zu schreiben, die im Berliner Olympiastadion mit allen Berliner Orchestern und allen Chören und zum ‚Lichterdom’ von Albert Speer aufgeführt werden soll, die erscheint ihm doch als reines ‚Glück’. In der merkwürdigen Zwischensituation in Finnland, wo die Grenzen in beiden Richtungen halb offen und halb zu sind (eine Situation, in der Entscheidungen möglich sind) macht er sich an die Arbeit. Als Schülerin, Assistentin und Spitzel ist ihm Ursula zugeordnet, jene junge Frau, die wir am Anfang gesehen haben, wie sie allein vom Blick in Hitlers Augen ohnmächtig wurde; Lena Lauzemis spielt sie, wie jemand, der in einem Körper und in einer Biographie gefangen ist und sich zugleich als Befreier wähnen möchte: vom eigenen Glühen berauscht. Das Duell, wenn man so will, ist eines der Liebe, eines der Politik, eines der Kunst und eines der Macht, es ist eine Vater/Tocher-Beziehung, eine Beziehung des alten und des neuen Bürgertums, der alten und der neuen Moderne, zwischen Seele und Subjekt, und auf allen diesen Feldern einer unübersichtlichen Schlacht der Gefühle und Ideen, geht es um die Frage, wie etwa Hitler aus dieser Frau zu vertreiben sei: Durch die Kunst? Durch die Liebe (oder einfacher: durch Sex)? Durch die besseren Ideen? Durch Ehrlichkeit (eines alten Mannes, der sich mindestens durch trägen Opportunismus schuldig machte)? Durch eine Autorität, die sich an die Stelle der anderen setzt, oder durch eine, die sich preisgibt? Durch das Dasein oder das Verschwinden von Männlichkeit? Hitler in Ursula, das ist nicht zuletzt immer auch das andere von Broch. Eine sichere Seite gibt es in diesem Film nicht. Und bei alledem: Diese Auseinandersetzung wird nicht nur in Bildern, in Worten und in Musik dargestellt. Es ist zugleich auch die Auseinandersetzung um die Bilder, um die Worte, um die Musik. Peter Gotthards Musik zum Beispiel geht noch einmal, auf einer zweiten Ebene, dieser Frage nach, wie sich die ästhetische Geste beugen, infiltrieren, korrumpieren oder betrügen lässt, bis zu jener absurden ‚Wahrheit’, die Broch endlich in seiner neuen Komposition erzeugt: ‚Eine Musik, die von der Lust an der eigenen Unterwerfung erzählt, von dem Glück, sich dem hinzugeben, bis in die Katastrophe’. Und das ist auch ein Stand im Duell der beiden, ein gegenseitiges Durchdringen, Durchschauen und Distanzieren, das auf jeder Ebene und in jedem Feld neue Grotesken erzeugt, bis es in einer enthusiastischen Erschöpfung endet. Denn so, wie Ursula ihren ‚Führer’ braucht (den Vater, den Lehrer und Hitler, um einmal hin und weg zu sein), so braucht Broch die jugendliche Erlöserin, die neue Kraft. Die unabwendbare Desillusionierung in jeder Hinsicht ist danach keine Lösung mehr. Zumindest dies ist begriffen: Der Faschismus ist nicht einfach eine Uniform, die man sich anzieht oder ein Abzeichen oder eine Idee oder ein Wörtersystem. Er ist Biographie und Begehren, so wie er Tod und Verfehlung ist.
Hitlerkantate ist kein einfacher Film, aber er ist keineswegs ein Film, der es etwa darauf anlegte, es einem schwer zu machen. Nie bläst er sich formal auf, nie kokettiert er mit der eigenen Abgründigkeit, wie es noch viele der Filme aus den siebziger Jahren taten, die sich auf die Motive Sexualität und Faschismus einließen. Jutta Brückner weist auf einen hysterischen Zusammenhang, ohne je selber hysterisch zu werden. Das mag einem gelegentlich etwas spröde vorkommen, so als würden sich die Bilder immer erst durch ein Diskurs-Gitter offenbaren können. Andererseits gibt die Regisseurin damit den Zuschauern auch eine gehörige Portion Souveränität zurück, die sie in den vorgeblich ‚naiven’ (und in Wahrheit nur korrupten) Nazi-Bildern der vergangenen Kino-Jahre verloren haben. Man muss ihre Bilder nicht wörtlich nehmen (schon gar nicht im Sinne des psychologischen Realismus und des Melodrama), man muss ihnen nicht einmal immer glauben, man kann sie vielmehr als Vorschläge begreifen, Zusammenhänge zu sehen in verblüffenden Tiefen und fälschlich entrückten Höhen. Hitlerkantate ist einer der notwendigsten Filme über den Faschismus letzthin, nicht nur für sich selbst, sondern vor allem auch für die Entwicklung dieser Bilder-Geschichte. Es ist der Film, der uns sagt, dass das Denken in den Bildern noch nicht abgeschafft ist.”
Georg Seeßlen
 
„Was für eine rasante Eröffnung! Verschwommene Schwarz-Weiß-Elemente mäandern unter den Anfangstiteln, setzen sich nach und nach zusammen, um zum donnernden Crescendo von Peter Gotthardts hervorragendem Score ihr Wesen preiszugeben: ein Aufmarsch ist zu sehen. Der Führer fährt vorüber, eine junge Frau hetzt durch die Massen und möchte ihm ihre Kantate schenken. Doch sie fällt in Ohnmacht. Ein Propagandafilm, der nicht auf Zuspruch stößt: ‚Das deutsche Volk ist nicht von Sinnen’ wird der Filmemacher Fritz gemaßregelt.
In seiner Absicht ist ‚Hitlerkantate’ ehrenwert, provokant und spannend. Die Umsetzung wird jedoch einem breiten Publikum den Zugang erschweren.”
Roman Klink
 
Gibt es so etwas wie eine Erotik des Faschismus? Jutta Brückner spürt sie in der fiktiven Vita einer Nazianhängerin auf und liefert einen Film, dessen Reflexionsniveau deutlich über dem der in den letzten Jahren grassierenden Hitler-Historienmalerei liegt. Jutta Brückner schärfte als Regieprofessorin an der Berliner Universität der Künste über Jahre ihren filmanalytischen Blick. Die Nazipropaganda interessiert sie, die darin peinlich offensichtliche, bis heute tabuisierte Begeisterung der Frauen für Hitler. Dieser dokumentarische Kern inspirierte sie zu HITLERKANTATE, einer fiktiven Geschichte aus den Dreißiger Jahren.
Brückners Protagonistin erscheint anfangs eingeblendet in eine zeitgenössische Dokumentarszene, bevor der Film das individuelle Drama, einer Geschichte der Verblendung und Desillusionierung entfaltet. Ursula, eine ehrgeizige junge Musikerin (von Lena Lauzemis spröde und voller Inbrunst gespielt), schwärmt für Hitler. Sie will ihm eine selbst komponierte Hymne überreichen, durchbricht die Absperrung der SA-Männer und fällt genau in dem Moment in Ohnmacht, als der Abgott der Deutschen in der offenen Limousine vorüberrauscht. Hitler, suggeriert die Szene, war ein Popstar seiner Zeit. Warum setzte er solche Ekstasen frei? HITLERKANTATE geht dem Gefühlschaos seiner Hauptfigur ohne Vorverurteilung auf den Grund. Es gab ein Potential an Sinnlichkeit und Faszination, so die These, das Frauen wie Ursula als Versprechen empfanden, das von den Nazis herausgefordert und um jeden Preis kontrolliert werden sollte.
Ursula soll den skeptischen Musikprofessor Broch dazu animieren, eine Propaganda-Kantate zu Hitlers Geburtstag zu komponieren. Der Auftrag bedeutet ihr alles: die musikalische Herausforderung, die Bewährung vor ihrer großen Idee und schließlich die Nähe zu einem erotisch besetzten Übervater. Ursula reist mit Broch (Hilmar Thate: leider mit bedeutungsschwerem Theatergesicht) in Klausur in ein finnisches Haus (von Thomas Mauchs Kamera in langen Fahrten und in verschatteten low-key-Szenen zur großen Bühne für ein Kammerspiel stilisiert), verliebt sich in den eitlen, politisch weitsichtigen, aber opportunistischen Zyniker und wird am Ende fallengelassen. Auch ihre Heirat mit einem SS-Karrieristen scheitert, weil die glühende Hitler-Anhängerin ihre Abstammung nach den Maßregeln der Rassegesetze nicht klären kann.
Statt auf holzschnittartige Charaktere und geglättete Genre-Geschichtsbilder, wie sie die jüngsten deutschen Mainstreamfilme zum Thema prägten, setzt ‚Hitlerkantate’ auf eine Dramaturgie irritierender Spiegelungen. Eine junge Jüdin im Untergrund, die dem Nazi-Mädchen Ursula aufs Haar gleicht, wird etwa von einem subversiven Kameramann ins Wochenschaumaterial eingeschleust und lächelt als Inkarnation des völkischen Ideals von der Leinwand.
Jutta Brückner hat einen in Kamera und Schnitt ambitionierten Film gedreht, der sich Zeit nimmt, Ambivalenzen aufzuspüren und neue Fragen zu Liebe und Sexualität in der Nazizeit aufzuwerfen, gelegentlich etwas zu konstruiert und thesenhaft. ‚Hitlerkantate’ ist ein sperriger Film, der die Hysterie seiner Figuren nicht denunziert. Was bleibt ist eine beunruhigende Geschichte der Gefühle, die von der viel zu wenig erforschten Modernität der Nazis zeugt.”
Claudia Lenssen
 
„Die Geschichte klingt ein bisschen unfassbar, betont dauernd ihre eigene Konstruiertheit und entrollt sich vor unseren Augen mit Humor und den eindrucksvollen Bildfindungen des Kameramannes Thomas Mauch. Hilmar Thate spielt mit atemberaubender Präzision und repräsentiert etwas Väterlich-Bohèmhaftes, das allerlei Anlehnungsfantasien provoziert. Die Trugbilder der weibliche Autonomie und bedingungsloser Hingabe bleiben historisch vermittelt. Die innere Logik hinter den wilden Drehungen der Geschichte entwickelt sich jedoch durch die von Peter Gotthardt komponierte diegetische Musik. ‚Die Musik ist klüger als die beiden Helden. Zum Schluss gibt es eine Zwölftonreihe. Wenn sich beide wie geschlagene Krieger am Klavier einfinden, sind sie musikalisch in der Moderne angekommen. Während draußen auf der Straße zu Hitlers Geburtstag noch Politik nach dem Wagnersound gemacht wird, haben sie das Erlebnis des Scheiterns schon hinter sich, das die anderen Deutschen noch vor sich haben’, sagt die Regisseurin.”
Madeleine Bernstorff
 
„Spätestens seit den 1970er Jahren bieten Literatur und Film diverse Exkurse in das Phänomen der erotisch determinierten Anziehungskraft Hitlers und seiner ‚Bewegung’ an. Nachgeborene können kaum noch verstehen und auch Zeitgenossen des ‚Dritten Reiches’ vermögen nur schwer auf den Punkt zu bringen, dass die millionenfache Selbsteingliederung in nationalsozialistische Exerzitien und Verbrechen eben auch sexuelle Dimensionen aufwies. Die tatsächliche oder vermeintliche Teilhabe am Rausch der Macht beinhaltete die Bestätigung der eigenen Potenz, ein Erwecken und Erfüllen von sadomasochistischen Lustmomenten, das Delektieren an der Unterwerfung anderer und sich selbst.
So wenig dieser Satz die Komplexität der damit verbundenen Vorgänge erfassen kann, so schwierig, ja gefahrvoll ist es für einen Film, das Thema gültig zu behandeln. Luchino Visconti hat es in ‚Die Verdammten’ (1968) vermocht, viele andere sind gescheitert. Nun wagt sich Jutta Brückner, eine herausragende Exponentin des deutschen ‚feministischen Kinos’, an diesen Diskurs und legt mit ‚Hitlerkantate’ ein höchst achtbares Ergebnis vor. Es ist ein Werk, das sich in Geist und Gestalt von allem abhebt, was das bundesrepublikanische Kino in letzter Zeit an so genannten Geschichtsfilmen übers ‚Dritte Reich’ herausbrachte. Nichts von der Sentimentalität à la ‚Comedian Harmonists’‚ oder ‚Rosenstraße’, nichts von Entschuldungsdramaturgien, die in ‚Marlene’ oder ‚Der Untergang’ zu entdecken waren. ‚Hitlerkantate’ reflektiert knapp, klar und schnörkellos über die Symbiose aus Macht und sexueller Unterordnung. Es ist ein Film zum Diskutieren, nicht zum Einfühlen und sanft Hinwegdämmern... ‚Hitlerkantate’ ist ein kompakter, kühler, den Dialog betonender Diskurs. Jeder Satz, jede Bewegung, jeder Zwischenschnitt macht Sinn. Zugleich verfremdet Jutta Brückner das Material, indem sie die Farben entsättigt und den schwarzweißen originalen Dokumentarszenen anpasst, die ihre Geschichte unterfüttern. Bestimmte Gesichter oder Landschaften sind farblich herausgehoben: ein Experiment auf der Basis neuer digitaler Bearbeitungstechnik. Ob dieser Film allerdings wenigstens jene Zuschauer erreicht, die sich noch für intellektuell anspruchsvolles Kino begeistern können, ist fraglich: Der Verleih Movienet startet ‚Hitlerkantate’ mit ganzen zwei Kopien!”
Ralf Schenk
 
„Am Straßenrand stehen Hunderte von kreischenden Mädchen; sie jubeln und schreien; sie schwenken Fahnen und Präsente und fallen reihenweise - vor Euphorie und Erschöpfung gleichermaßen - in Ohnmacht. Schon die Eingangsszene von Hitlerkantate weist darauf hin, dass es dem Film weniger um die politischen Dimensionen, als vielmehr um die Führerpersönlichkeit und ihre emotionale Wirkung geht.
So ist nicht der Held im Widerstand die Hauptfigur des Films von Regisseurin und Drehbuchautorin Jutta Brückner, sondern eine junge Frau, groß, schlank, blond und blauäugig, die ihr Leben vollständig der nationalsozialistischen Ideologie untergeordnet hat...Am Beispiel der Ursula Scheuner zeigt Brückner, dass sich die Liebe zum Führer durch persönliche Erfahrungen - bis hin zum Verrat - verändern, jedoch niemals völlig ausgelöscht werden kann. Ursula ist hin- und hergeworfen zwischen Leidenschaft, persönlicher Freiheit und Bürgerpflicht, was der Film nicht zuletzt durch seine Bildästhetik zeigt: Die Szenen im nationalsozialistischen Berlin sind hauptsächlich in den Farben der Reichsfahne gefilmt und erzeugen eine kalte Nüchternheit. Sie kontrastieren mit den bunten Aufnahmen im finnischen Landhaus und dem historischen Filmmaterial in Schwarz-Weiß beispielsweise von den Umzügen zu Hitlers 50. Geburtstag, welche einerseits Freiheit und natürliche Leidenschaft suggerieren und andererseits die Begeisterung der Bevölkerung für den Führer zeigen. Und wie Ursula selbst ist auch die Liebesbeziehung der Schülerin zum Lehrer geprägt vom ständigen Kampf zwischen der gegenseitigen Liebe und tiefen moralischen und ideologischen Überzeugungen.”
Verena Kolb
 
„‚Hitlerkantate’ von Regisseurin und Drehbuchautorin Jutta Brückner beleuchtet das Dritte Reich einmal aus der Perspektive einer jungen Frau. Sie ist blond, hat blaue Augen und den Judenhass gründlich verinnerlicht. Der Führer ist ihr größter Schwarm, am liebsten würde sie sich ihm auch körperlich hingeben. „Hitlerkantate” widmet sich auf sehr spannende Weise der Aufbruchstimmung, die sich im Führerkult entzündete. Selten wird man so ungefiltert damit konfrontiert, wie die Menschen damals dachten...Das Interessanteste an diesem Film ist die durchgehende Spannung, die einen direkt in den Strudel der damaligen Zeit hineinzuziehen vermag. Wie kann das ein Film schaffen, der so theaterhaft, symbolträchtig, kontemplativ daherkommt? Zum einen ist es der Verzicht auf pädagogische Distanz. Jutta Brückner lässt die Figuren lieber authentisch sprechen, etwa wenn Gottliebs Vorgesetzter dessen Einwand, ‚Unsere Ehre heißt Treue’, damit kontert, das gelte mehr für Deutschland, als für Ursula.
Zum anderen sind es die suggestiv komponierten Nahaufnahmen, die Gefühle direkt ansprechen: zum Beispiel die Szene, in der einer Frau die Perlenkette auf den Treppen eines Nazigebäudes reißt und die Perlen kullern...vor das Hakenkreuz. Broch, der als zerrissener, kopflastiger Charakter die schwächste Rolle im Film hat, will Ursula zu seiner abgründigen Muse machen. Einerseits entspricht das der geschichtlichen Wahrheit der Verführung, andererseits aber wäre es nicht nötig gewesen, aus dem blutleeren, in die eigene Innerlichkeit vernarrten Bühnencharakter auch noch den Schürzenjäger zu machen...Auch die theaternahe Inszenierung wirkt zwiespältig: Dem rauschhaften Zeitgeist kommt sie erstaunlich entgegen. Aber sie lässt auch auf Distanz zu den aufgeputschten Liebesaffären gehen. Gegen Ende schimmert vielleicht dann doch etwas zu viel von Jutta Brückners eigener Geschichtsdeutung durch. Der naiven Ursula wird ein feministischer Schnellkurs verpasst. Aber selbst das tut der Faszination, die dieser um emotionale Analyse bemühte Film ausstrahlt, kaum Abbruch.”
Bianka Piringer in cinefacts