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Bräute des Nichts.
Der weibliche Terror. Magda Goebbels und Ulrike Meinhof

Video-Theater-Performance
Uraufführung: Akademie der Künste, Pariser Platz, 3. Juni 2008
 
Mit Anne Tismer in der Doppelrolle von Magda Goebbels und Ulrike Meinhof und einem Chor.
 
 
 
Magda Goebbels war eine nationalsozialistische Fanatikerin, die am Ende ihre 6 Kinder tötete, obwohl dafür keine Notwendigkeit bestand, viele hatten angeboten, die Kinder zu retten. Ulrike Meinhof entschloss sich, in den terroristischen Untergrund zu gehen und ihre Kinder in ein palästinensisches Waisencamp zu geben, wo man sie zu Kämpfern ausgebildet hätte, wenn dieses Camp nicht durch Bomben völlig zerstört worden wäre. In der RAF war der Anteil der Frauen hoch. Darüber hat man sich vor 30 Jahren gewundert und darüber wundert man sich noch heute.
 
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Wie viel „Drittes Reich” war in den Gedanken und Taten der RAF zu finden? Sind Revolutionäre wirklich geschlechtslos? Und wie standen diese beiden „Revolutionen” - denn auch der Nationalsozialismus begriff sich als eine solche - zur unterschiedlichen Körperlichkeit von Männern und Frauen? Wo war der Platz der Revolution in den weiblichen Körpern und wo war der Platz der weiblichen Körper in der Revolution?
 
Führerbunker und Stammheim sind Orte für ein tödliches Kammerspiel, in dem über die unerhörte Verbindung von Magda Goebbels und Ulrike Meinhof eine andere, weibliche Geschichte der Moderne erzählt werden kann, der Versuch der Frauen, im 20. Jahrhundert geschichtlich handelnde Subjekte zu werden. Bei dem Duell zwischen den beiden Frauen geht es um die Frage, ob nicht ihr Fanatismus eine Liebesgeschichte mit der Politik war. Die Grundlagen, auf denen beide sich für die Revolution entschieden sind ähnlich in ihrem wilden Willen, die Politik als Religion ohne Abspaltung zwischen dem Privaten und dem Politischen zu leben und in ihrem Sprung in die Tat, mit dem eine tiefe melancholische Zerrissenheit beendet werden sollte. Der Masochismus, der schon für ihre privaten Liebesgeschichten bestimmend war, regierte auch ihre politische, denn Masochismus hat zwei Seiten: er ist nicht nur Unterwerfung, sondern auch Trotz und Zerstörung.
 
 
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Die Video-Theater-Performance setzt ein mit Ulrike Meinhofs letztem Tag im Gefängnis von Stammheim, bevor sie sich in ihrer Zelle erhängte. In der Nacht ihres Todes tauchen eine Stimme und ein Schatten auf und lassen sich nicht mehr verjagen. Der Schatten wird zur Person Magda Goebbels und Meinhof beginnt einen verzweifelten Kampf gegen das, was sie ihr Leben lang bekämpft hat: den Faschismus. Doch diese Widersacherin ist ein Teil ihrer selbst, denn niemand kann sich aus der kollektiven Geschichte davonstehlen, wenn sie so sehr wie die deutsche die Geschichte einer moralischen Katastrophe ist. Dies wird sie am Ende der Nacht begriffen haben. Aber auch Magda Goebbels, die ihre Schuld schon vor ihrem Tod eingestanden hatte, hat etwas zu begreifen: wie sehr sie den Nationalsozialismus mit den Ideen ihrer Jugend und ihres damaligen Freundes vermischt hatte. Dieser Freund war der russische Jude und Zionist Victor Arlosoroff, bis zu seinem Tod 1933 Außenminister im Wartestand des damals noch nicht existierenden Staates Israel.
 
 
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„Bräute des Nichts” besteht aus einem theatralen und performativen Video und der Live-Performance eines Chors. Der Ton ist unabhängig vom Bild und kommt wie ein im Raum umher wanderndes Hörspiel aus Lautsprechern. Anne Tismer spielt die beiden Rollen im Video. In unterschiedlichen imaginären Räumen begegnet sie sich selbst als Magda Goebbels und Ulrike Meinhof. Im Raum agiert der Chor live zu den Bildern, auf denen er auch immer wieder selbst zu sehen ist.
Das Videomaterial wurde in der Black-Box der Akademie der Künste gedreht. Mit Hilfe von Spiegeltechniken wird dieser rohe Kubus, der sowohl Bunker wie Gefängnis ist, zum weiten Innenraum eines Kopfes, der unser historisches Bewusstsein speichert. Inmitten dieser Bilder und wandernden Töne erleben die Zuschauer die Geschichten von Magda Goebbels und Ulrike Meinhof als Reflexionen eines individuellen Scheiterns, aber auch als Stationen eines historischen Prozesses, in dem die Frauen nach ihrem Platz innerhalb des Gesellschaftsvertrages fragen und nach der Natur dieses Vertrages selbst.
 
 
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Jutta Brückner: „Bräute des Nichts”.
Der weibliche Terror. Magda Goebbels und Ulrike Meinhof.

Theater der Zeit, Reihe Recherchen, Band 53