Über Wege zum Film, Bedeutung des Raumes, Liebeskonzepte, Eigenarten der bundesdeutschen Frauenbewegung
Gespräch zwischen Jutta Brückner und Erika Richter 

Über Räume, unendliche Spiegelungen und das weibliche Begehren
Gespräch zwischen Gerburg Treusch-Dieter und Jutta Brückner über „Kolossale Liebe” 

Das Unbewusste ist uns so fremd wie die Außenwelt
Gespräch zwischen Jutta Brückner und Gerburg Treusch-Dieter über „Kolossale Liebe”

Über meinen Film „Kolossale Liebe”
Jutta Brückner 

Kolossale Liebe
Rolf Richter 

Über historische Filme und vermischte Zustände
Jutta Brückner 

Kolossale Liebe
Filmblätter des Internationalen Forums des Jungen Films 1989 

Der Film wäre das ideale Medium, wenn er nicht als Fabriksystem organisiert wäre
Gespräch zwischen Jutta Brückner und Gerburg Treusch-Dieter 

Kritik

Worauf Rahel (mit Recht) stolz ist, wird den Männern unheimlich. Sie hat sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht, ‚heraufgedacht’, sich zu einer sehr empfindsamen Briefschreiberin entwickelt. In ihr verbinden sich Intellekt und Gefühl auf das innigste und qualvollste. Hier ist eine Frau voller Leidenschaft und unerfüllter Liebe, sie ist übermächtig stark in ihrem Geist und erdrückt damit jeden Mann. Immer hat sie sich ein Bild von einem Partner gemacht, den sie in der Realität nicht finden konnte… Der Film verlangte eine gespannte Aufmerksamkeit, genaues Hinhören – und Sehen. Es hat sich gelohnt.”

Günther Maschuff

Historischen Persönlichkeiten als Filmfiguren zu begegnen, endet meistens mit einer Enttäuschung. Nur selten stimmt unsere eigene Vorstellung mit dem Erscheinungsbild auf der Leinwand überein. Dies Dilemma hat Jutta Brückner auf sehr ungewöhnliche und manchmal sicher sehr abstoßende Weise gelöst. Sie hat die Geschichte einer der berühmtesten Frauen des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit extrem weichem Material gedreht, das die Konturen verschwimmen lässt. Die Personen gleichen nur undeutlich erkennbaren Schemen, als seien sie flüchtige Erinnerungsbilder an eine längst versunkene Zeit. An diese Unschärfe muss sich das durch perfekte Aufnahmetechnik verwöhnte Auge erst gewöhnen. Aber eine Kirsten Dene als Rachel Varnhagen macht es uns leicht, diese Art der Wahrnehmung zu akzeptieren. Groß, stattlich, vollbusig, entspricht sie äußerlich sicher nicht dem historischen ‚kleinen jüdischen Schlemihl’, aber auf Ähnlichkeit kommt es auch nicht an. Ein außergewöhnlicher Charakter soll vor unseren Augen entstehen, der geprägt wurde durch eine zunehmend judenfeindlicher werdende Umgebung und der daraus resultierenden enormen Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung.

Dieses Schicksal inszeniert Jutta Brückner nicht als eine Abfolge äußerer Ereignisse und Lebensstationen. Ausgehend von Hannah Arendts Roman und Rachel Varnhagens Briefwechsel, entfaltet es sich aus langen Dialogen (mit Varnhagen und dem preußischen Adligen Marwitz), die Rachels Gier nach Leben, nach Unabhängigkeit ausdrücken und dabei auch ihren Selbsthass, ihr Hadern mit dem jüdischen Schicksal spiegeln. Ein Zimmer als einziger Schauplatz, nur wenige Requisiten wie Bett, Schreibtisch, Spiegel, das lässt Raum für eine äußerst feinfühlige Inszenierung von Seelenzuständen und Selbstbeobachtungen und Kirsten Denes großartig zupackende Erforschung eines Ichs.”

Carla Rhode

Geschichte hat auch Binnenräume und die Schlachten, die die Seele zu bestimmten Zeiten ausficht, sind nicht viel weniger bedeutsam für das Leben künftiger Geschlechter als Kriege und Diplomatie, Reform und Revolution…Der Film spaltet sich in Realvorgänge und Deutungschiffren, die Dynamik des Ablaufs leidet darunter. Aber gleichwohl ist dieser Streifen ein ernst zu nehmendes Experiment über die Geschlechterliebe und umso interessanter, als sie in der Spiegelung durch eine bis zum Zerreißen und bis zur Verrücktheit empfindungsstarken Frau erscheint.”

Peter Schütze