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Jutta Brückner, 2017

Rede zum Hochschultag 12. Dezember 2017

Wir wollen heute Nachmittag versuchen, Antworten auf die Frage zu finden, wie Männer und Frauen miteinander umgehen können. Und gleich die erste Klarstellung. Wir reden hier nicht über das, was gerichtlich sanktioniert wird als Angriff auf die körperliche Unversehrtheit, wie z.B. eine Vergewaltigung ist. Es geht hier um den Graubereich, der nicht durch Gesetze geregelt ist, um die Frage, wie man zurechtkommt mit dem, was von den einen als normal und den anderen als beleidigend, störend und herabsetzend, als Alltagssexismus empfunden wird. Dabei stehen zwei konkrete Fragen im Vordergrund:

1. Wo ist die Grenze zwischen verbaler und psychischer Belästigung und der Freiheit der Rede und der Freiheit der Kunst?
2. Wie kann ein Zusammenstoß gleich beendet werden, so dass es nicht in einigen Jahren wieder zu einem Shitstorm kommt, in dem längst vergangene Taten angeprangert werden?

Die Antworten darauf kann man nicht geben, wenn man nicht ein bisschen in die Geschichte der Geschlechterkonstruktionen steigt.

Ich werde das in vier Thesen machen.

1. These
Sexismus ist der Kern unserer Gesellschaft und nicht ein Ausrutscher einiger bekannter Übeltäter. Denn Sexismus ist nicht Sexualität, sondern die Verbindung von Sexualität und Macht.

Es gab bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts politisch festgeschrieben, philosophisch begründet und wissenschaftlich untermauert, Annahmen darüber, was Männlichkeit und Weiblichkeit sind. Männer waren Helden, Frauen Blumen, Männer sicherten die Existenz, Frauen schmückten sie und gebaren die Kinder. Die Gesellschaft brauchte beides, aber nur Männer wurden als Individuen angesehen. Alles, was einen Menschen zum Individuum machte, Geist, Rationalität, Schöpfertum war mit dem Begriff der Männlichkeit verbunden, und so waren auch die Öffentlichkeit, die Wissenschaft, die Kunst und der Staat rein männlich konnotiert. Frauen waren keine Individuen, weil ihnen von Philosophen bescheinigt wurde, dass sie zu wenig Verstand hatten, ihre Gefühle nicht unter Kontrolle und keine Macht über ihre Triebe, also ungebändigte Natur außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Und insofern waren sie gefährlich, denn mit ihrer Triebhaftigkeit gefährdeten sie nicht nur die einzelnen männlichen Individuen sondern die rationale Gesellschaft als Ganze. Sie waren moralisch keine Sachen, konnten aber juristisch als solche behandelt werden. Und, weil sie in der Gesellschaft keinen Platz und keine Stimme hatten, waren Männer ihre Vormünder. Diese Teilung der Menschheit in zwei unterschiedliche Hälften ist inzwischen sehr gut untersucht. Woran man aber nicht immer denkt, ist, dass Männer und Frauen in unterschiedlichen Räumen lebten. Durch viele Jahrhunderte durften sich Frauen nicht oder nur beschränkt und unter Auflagen in der Öffentlichkeit bewegen. Es gab reine Herrenräume, der Club, der Stammtisch, die Armee, das Bordell. Dass Frauen heute das Recht haben, in jeder Hinsicht gleichberechtigt ihr Leben dort verbringen, wo auch Männer sind, das ist ein sehr junges Recht. Kamen Männer und Frauen früher in größeren Gruppen zusammen bei Familienfesten oder ähnlichem, gingen die Männer nach dem Essen ins Herrenzimmer und die Frauen in den Salon. Und was auch immer im Herrenzimmer beredet wurde, welche Witze, Anzüglichkeiten, sexuelle Erfahrungen dort ausgetauscht wurden, blieb den Ohren der Frauen verborgen. Im Salon sprachen die Frauen über Männer und das keinesfalls nur freundlich. Es waren getrennte Räume für getrennte Lebenswelten, Räume, in denen den jeweiligen Geschlechtern das ungeschützte Gespräch und die Triebabfuhr möglich waren. Von den separaten Räumen ist nur das Bordell übriggeblieben, ansonsten gibt es heute nur noch gemeinsame Räume. Und dadurch ist der Druck, sich ständig und überall korrekt und höflich und unanstößig verhalten zu müssen immens gestiegen.

2. These
Sexismus war immer Kern unserer Gesellschaften. Nur: früher fiel das nicht auf, weil es klare Regeln gab.

Die bürgerliche Gesellschaft – und noch immer leben wir in ihr – hing und hängt dem kapitalistischen Vermehrungsethos an. Aber sogar ein Geschäftsmann ist mehr als seine Bilanzen und wenn er das nicht ist, ist er ein Schrat oder Sonderling oder ein Außenseiter. Die Gesellschaft hatte jenseits von Politik und Wirtschaft ein eigenes Regelwerk, das nirgendwo wirklich festgeschrieben war, aber jeden, der es nicht beachtete mit Ausschließung bedrohte. Diese Regeln hießen früher Anstand und Sitte, Wohlerzogenheit, gute Manieren, Herzensbildung. Und sie waren in den Händen der Frauen. Darauf bezieht sich der Satz von Goethe: „Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an.“ Die Regeln des Staates und der Wirtschaft waren in den Händen der Männer, die Regeln des guten Benehmens in der Gesellschaft in den Händen der Frauen. Gleichzeitig waren die Frauen aber vollkommen macht- und rechtlos, von den Männern abhängig und auf deren Schutz angewiesen. Und wirklich zur Gesellschaft gehörten sie erst in dem Moment, wenn sie verheiratet waren, also die Frau von jemandem, dessen Namen sie annahmen. Es gab in jedem Frauenleben nur ein Ziel: die Heirat. Aber wie dahinkommen, wenn jedes offene Wort verpönt war? Ein unglaublich enger Handlungsrahmen schrieb vor, welches Wort, welcher Blick erlaubt waren und musste respektiert werden, wenn man ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft sein wollte. Das Verhalten zwischen den Geschlechtern war geregelt bis in kleinste Finessen. Für beide Geschlechter war das ein Korsett, aber für Frauen war es eines, das sie zu Schweigen und Passivität verdammte. Zu gefallen, geheiratet zu werden und so anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein, war die einzige Möglichkeit, aus dieser verordneten Passivität herauszukommen. Der Befehl hieß: Sei schön und halt den Mund. Und hier kam dann die Sexualität ins Spiel. Das verborgen-verhüllte Versprechen von Sexualität und Erotik wurde zur Waffe im Kampf um den Mann und zu einem Machtinstrument. Die Frauen verfügten über die Macht der Erotik, die Männer über die Erotik der Macht. So balancierte die repressive Gesellschaft damals die Geschlechterkonfrontation aus.

Ich rede hier von Dingen, die über 100 Jahre alt sind, denn sie sind vergangen, aber nicht erledigt. Deshalb jetzt zu meiner

3. These:
In der Konstruktion der Geschlechteridentitäten kreist heute viel historischer Ballast, und in den meisten Fällen ist uns das nicht bewusst.

Wir sind nicht einfach selbstbestimmte, rationale Individuen, wir sind durch die Erfahrungen der Generationen vor uns ebenso markiert wie durch unsere eigene Sozialisation. Die Genforschung hat herausgefunden, dass wir von den Eltern und Großeltern nicht einfach Gene erben, sondern markierte Gene, nicht nur deren Musikalität oder Sportlichkeit, sondern auch deren Traumata. In Kambodscha, wo ein ganzes Volk einem mörderischen Umerziehungsprozess ausgesetzt war, hat man in einem riesigen Feldversuch untersuchen können, wie weit auch die Nachkommen von Gefolterten die Folgen von Folter und Verrohung in ihren Genen tragen, auch dann, wenn sie selbst nie derartiges erlebt hatten. Tiefsitzende Verhaltensweisen werden über die Gene von Generation zu Generation im Unbewussten weitergegeben. In einer Gemengelage von bewussten, halb bewussten und nicht bewussten Bildern schleppen wir viel untotes Material mit uns herum und je toter und unbewusster es ist, desto stärker bestimmt es unsere spontanen Reaktionen, die wir nicht kontrolllieren. Es ist unconscious bias. Männer haben auch das Gepäck einer antiquierten Männlichkeit auf den Schultern, die Überzeugung, dass eigentlich alles ihnen gehöre, Frauen das einer vormodernen Weiblichkeit, die ihnen gebietet, dass sie vor allen Dingen gefallen müssen und nicht auffallen dürfen, dass sie schön zu sein und den Mund zu halten haben. Diese alten Vorstellungen, die heute keine gesellschaftliche Grundlage mehr haben, treffen auf die emanzipativen und sexuellen Entgrenzungen von heute, die nach der Pille möglich geworden sind. Und es gibt kein neues Regelwerk, das verbindliche Normen vorschreibt. Das führt zu großer Unsicherheit und viel Frust.

Um so mehr, als – und dies ist meine 4. These:–
Der Sexismus heute zur rape culture geworden ist.

Wenn wir für unsere sexualisierte Gesellschaft, und daran zweifelt niemand, dass sie es ist, das Wort „rapeculture“ gebrauchen, klingt das in manchen Ohren übertrieben. Trotzdem ist es richtig. Aber es heißt absolut nicht, dass jeder Mann ein Vergewaltiger ist und „rapeculture“ bezieht sich nicht nur auf tatsächliche Vergewaltigungen. Das Wort meint ein gesellschaftliches Klima, das durchdrungen ist von sexualisierter Macht. Dazu gehört, dass in dieser Gesellschaft viele Vorstellungen und Bilder kursieren von Vergewaltigung als einer zwar nicht erlaubten, aber trotzdem lustvollen Ausübung von Macht, umso lustvoller je verbotener sie ist. Bilder, in denen Frauen als Sachen dargestellt werden, die man darauf abschätzt, ob sie fuckable sind oder nicht. Bilder von Frauen, deren Selbstbestimmtheit nur in ihrer Sexyness liegt und die sich als eine Sache, die fuckable ist, darbieten. Sie kennen die Sätze von Trump im Wahlkampf, dass es ihm möglich sei, jeder Frau in den Schritt zu fassen und sie gegen ihren Willen zu küssen. Ich habe Fotos gesehen von Frauen, die sich seinen Namen auf den Bauch gemalt haben, neben einem Herz, und dann mit hochgeschobenem Pullover in seinen Wahlveranstaltungen saßen. Es ist also keineswegs so, dass nur Männer dem Sexismus verfallen sind. Auch viele Frauen reisen heute auf diesem Ticket. Auch sie tragen dazu bei, dass unsere Gesellschaft heute als rapeculture definiert wird in Wort, Schrift und Bild. Der Verlust von Macht und Privilegien führt bei vielen Männern zu ungehemmten Aggressionen, niemand gibt gern ein Privileg ab, auf das er bisher automatisch zählen konnte. Männer wehren sich mit sexistischen Sprüchen und Dreck der übelsten Art gegen den Verlust an Bedeutung, dem sie jetzt ausgesetzt sind und das geht nur, wenn sie Frauen klein machen und demütigen. In Bereichen der pornographisierten Gewaltkultur (z.B. im Rap) wird die Ermordung und Zerstückelung von Frauen gefeiert. In einer solchen Veranstaltung im Columbiadamm, sagten die männlichen Zuschauer, unter ihnen viele Gymnasiasten, das wäre zwar krass, aber sie fänden gut, wie hier gegen die Gleichberechtigung gehetzt werde. Die rapeculture ist auch Teil der Spaßgesellschaft. Und unter Spaß wird hier verstanden Hass, Hetze, Häme und Gewaltverherrlichung. Wir müssen nicht zu solchen Veranstaltungen gehen, aber dem Diktat der sexualisierten Spaßgesellschaft können wir nicht entrinnen. In vielen unterschiedlichen Graden müssen wir dabei mitspielen, wir können gar nicht anders, wenn wir nicht als Eremiten leben wollen. Unter diesem Diktat sind wir alle sowohl Täter wie Opfer.

Das Problem ist aber, dass Frauen, wenn sie entweder ständig mit der Möglichkeit von massiven körperlichen Attacken rechnen müssen oder doch ständig auf zotige und obszöne Bilder, vulgäre Bemerkungen, psychische Demütigungen und Herabwürdigungen stoßen, dass sie dann im ständigen Verteidigungsmodus leben, in Abwehr und im Kampf. Denn diese Bilder machen ihnen ihre Sexualität zu einer Last und sind eine massive Attacke auf ihre Selbstbestimmheit. Unter diesen Umständen ist es extrem schwer zu einem Selbstbewusstsein zu kommen, das nicht gestört oder defizitär ist.

Das Resultat ist, dass Frauen sich entweder entmutigt verkriechen oder zu Kriegerinnen werden, wie Virginie Despentes es von sich sagt. Das ist aber im besten Fall das survival of the fittest, wie Darwin den ungeregelten Naturzustand genannt hat, gegen den die zivilisierte Gesellschaft eigentlich das Bollwerk sein sollte. Und es schränkt die kulturellen Möglichkeiten von Frauen massiv ein. Wir stehen also vor dem Problem, dass unsere Kultur auf der einen Seite Frauen die volle juristische Selbstbestimmtheit gibt, um sie ihnen in den kulturellen Bildern wieder streitig zu machen. Sexismus in unserer Gesellschaft hat viele Erscheinungsformen, körperliche, psychische, kulturelle und führt zu biographischen Schieflagen bei den Frauen und es behindert die Entfaltung von Fähigkeiten. Frauen haben das Gefühl, von der Gesellschaft betrogen zu werden. Sie haben mit der Emanzipation auf den Schutz der gesonderten Räume verzichtet, aber ihr Anspruch auf Gleichberechtigung ist noch keineswegs eingelöst, denn sonst wäre ihr Anteil im Bereich des Filmemachens 50 Prozent. Das ist er aber bei weitem nicht. Eine Generation von sehr gut ausgebildeten Frauen merkt, dass sie nicht ihren Fähigkeiten entsprechend weiterkommt, sondern an einer gläsernen Decke scheitert. Das führt zu gewaltigem Frust. Der entlädt sich in Klagen über eine Hand auf dem Knie, meint aber viel mehr: die generelle Behinderung im Beruf, die Nichtanerkennung oder sogar Herabwürdigung ihrer Leistungen. Die Hand auf dem Knie kann man anprangern als eine deutliche sexistische Attacke. Die männlich dominierten Strukturen überall sind so viel schwerer anzuklagen und aufzulösen

Was bedeutet nun dieser historische Exkurs für Sie, für den Umgang untereinander und für die Filme, die Sie hier machen?

Wie Männer und Frauen sich heute definieren und wie sie miteinander leben und arbeiten wollen, wird heute von keinerlei Regelwerk mehr bestimmt. In unserer stark individualisierten Gesellschaft muss sich jeder und jede die Grundlagen seines Verhaltens im Prozess des Erwachsens Werdens selbst erarbeiten. Es hat aber noch nie eine Gesellschaft gegeben, die in diesem Bereich auf Regelungen verzichtet hat. Solche Regeln sind nur dann Zensur, wenn sie verordnet werden. Selbstbestimmte Regelwerke für Verhalten sind unserer Zeit angemessen. Fangen Sie hier in Ihrer Hochschule an. Diskutieren Sie, wo für Sie die Grenze liegt zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen, was also für Sie Anstand ist, und halten Sie das fest als eine allgemeine Verpflichtung.

Dabei sollten, so würde ich vorschlagen, zwei Eckpunkte gelten. Die Männer sollten sich bewusst sein, dass ihre Spontaneität nicht frei ist von alten Machtgesten, aber auch neuer Wut über verlorene Privilegien und dass das Aggressionen aus Unsicherheit und Verklemmung führt. Wer einen sexuellen Witz macht ist scheinbar souverän, oft ist es aber einfach nur der Versuch, über die Demütigung von jemandem sich selbst zu erhöhen. Die Frauen sollten sich bewusst sein, dass sie keinen Grund mehr haben, nicht den Mund aufzumachen, wenn ihnen etwas missfällt. Sie müssen lernen, den Konflikt zu wagen und sich nicht erst nach Jahren darüber zu beklagen, was ihnen damals zugefügt worden ist. Der Stau des Ungesagten, dessen, was sich in 20 oder mehr Jahren angesammelt hat, ist jetzt durch #metoo erst einmal aufgelöst. Time Magazin hat bekanntlich die #metoo Kampagne zur Person des Jahrs 2017 gekürt, eine solche eruptive Entladung war offensichtlich nötig. Jedes Geschlecht muss die eigene Rolle und ihre unbewussten Tücken hinterfragen. Und so wie der Verzicht auf die Behauptung von Überlegenheit zu den männlichen Tugenden gehört, so gehört der Mut, zu seinem Unbehagen zu stehen und es auszusprechen, zu den weiblichen. Frauen brauchen keinen Schutzraum, sie brauchen, dass die Gesellschaft als Ganze sich ändert. Davon hätten auch die Männer was.

Das kann aber nur funktionieren, wenn es auch Regeln der Konfliktbewältigung
gibt, denn selbstverständlich wird es weiter Konflikte geben. Eine Welt ohne Konflikte, auch eine so kleine wie die Universität ist nicht vorstellbar und nicht wünschbar. Es kann nicht darum gehen, Konflikte um jeden Preis zu vermeiden. Sexualität ist ein Terrain voll von Ambivalenzen und Widersprüchen zwischen Macht und Erotik, Lust und Zwang. Jeder kann dazu eine eigene Haltung haben. Die Regeln der Konfliktbewältigung könnten vorschreiben, dass es bei einem solchen Konflikt zwei Möglichkeiten gibt: der oder die Beschuldigte entschuldigt sich und damit muss die Sache erledigt sein. Geschieht das nicht, dann verlässt die Person, die sich angegriffen fühlt, den Raum und beharrt auf einer Moderation. Früher hat man auf diese Weise Duelle gemacht oder sie verhindert. In Extremfällen, wenn sich jemand auf üble Weise angegriffen fühlt, weil es biographische Erfahrungen gibt, die unsichtbare Narben hinterlassen haben, sollte dieser jemand das Recht haben, ohne weitere Erklärung die rote Karte zu zeigen. Ich meine das buchstäblich. In den vielen Beiträgen der #metoo-Kampagne wird deutlich, wie schwer es oft ist, sich gegen Zoten, sexuelle Herabwürdigungen und schmierige Witze zu wehren, weil es einem buchstäblich vor Empörung die Sprache verschlägt. Diese Redewendung sagt sehr deutlich, was passieren kann. Eine rote Karte sollte zum survival kit jeder Frau gehören.

Die Antwort auf die zweite Frage, wie es denn mit dem Sexismus und der Kunst aussieht, wäre bei mir folgende. Ich weiß, dass die politische Korrektheit vielen heute enormes Unbehagen bereitet. Es gibt im Moment in den USA eine Bewegung, die wie eine Seuche um sich greift. Studierende fühlen sich verletzt durch literarische oder filmische Beschreibungen und Darstellungen von Sexualität und Gewalt und fordern den Ausschluss solcher Lehrmaterialien. Dagegen, so glaube ich, ist mit aller Macht vorzugehen, denn das ist wirklich Zensur. Zensur, die selbst vor klassischen Werken nicht halt macht und drauf und dran ist, den Kanon im Blickwinkel der Gegenwart neu zu schreiben.

Aber im selben Atemzug sollte man fordern, dass aktuelle Kunstwerke, die Gewalt, Sexualität und sexualisierte Gewalt zeigen, so gemacht sind, dass die Haltung dazu im Film selbst deutlich ist. Folter, Mord und Totschlag minutenlang auszuwalzen und ohne erkennbaren Bruch in die glamouröse Optik einzubinden, diese bedenkenlose Ausschmückung vieler Filme mit Gewalt- und Sexdarstellungen ist genauso einfallslos sexistisch wie die Autowerbung mit halbnackten Frauen auf den Kotflügeln oder wie die Posen der pubertären Jugendlichen, die mit einer Attitüde der Gewalt ihren defizitären Begriff von Männlichkeit inszenieren und ihre Lehrerinnen als Nutten beschimpfen. Darstellungen von sexualisierter Gewalt in Filmen brauchen eine künstlerische Haltung und die zeigt sich in der Form, in der der Film gemacht wird. Form heißt: die Intelligenz und Reflexion des Machers, der Macherin finden die richtigen Worte, den richtigen Schnitt, die richtigen Bildaussschnitte für das, was er oder sie sagen und zeigen will. Sie lernen an dieser Universität etwas über die Kraft der Bilder zur Manipulation und darüber, dass es auf den Kontext ankommt.

Und eine solche künstlerische Freiheit, die ich unbedingt verteidigen werde, wenn sie solcherart künstlerisch beglaubigt wird, bedeutet nicht, dass der Künstler sich deshalb herausnehmen kann, als halber Outlaw und selbst ernannter Rebell gegen die Gesellschaft andere im Leben wie ein Schwein zu behandeln. Das Abgründige, wenn es denn Antriebskraft ist, ist Treibstoff für seine Kunst und nicht für sein Leben. Macht Kevin Spacey einen Prozess, aber lasst ihn in der Serie. Unsere Moderne ist geprägt von Ambivalenz. Damit kann man leben, wenn man es weiß.

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